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Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 12. September 2009 um 15:18 Uhr

Der Brummton und die Presse

 

Eine Medienlawine hat das Land erfasst. Wo immer man hinblättert oder hinzappt, folgt irgendwann ein Bericht über das seltsame Brummen. Inzwischen kommen sogar Anfragen von Journalisten aus Kanada: ‚Was ist denn bei Ihnen los?“

Die Betroffenen könnten freilich auf ihre warholschen 15-Minuten im Rampenlicht bestens verzichten. Was diese Bürger in die Medien trieb, war nicht die Eitelkeit, sondern der Versuch der Behörden, das Problem auszusitzen. O-Ton: „Das sind so wenige. Und da draußen sind so viele andere, die auch unsere Hilfe brauchen“. Außerdem: es waren ja keine gesetzlichen Richtwerte überschritten. Also existierte auch kein Problem! Zur Erinnerung: die Qualität eines Staates zeigt sich besonders im Umgang mit Minderheiten. Und der unsrige leistet sich sogar eine Rasenmäher-Verordnung.

Die „abwartende“ Haltung der Ämter scheiterte in Baden-Württemberg an der massiven Pressearbeit einiger Betroffener. Sie hatten zwar ein vorzüglich zu „verkaufendes“ Thema. Doch ihre Zivilcourage kann man gar nicht genug loben. Es bedeutet einiges, sich mit einem Problem zu outen, das andere nicht wahrnehmen - und von dem man zunächst einmal annehmen musste, damit alleine zu sein.

Zur Erinnerung: wer noch vor einem Jahr an sich die Wirkungen eines Brummtons beobachtete, machte sich damit zu einem potentiellen Fall für die Psychiatrie. Tatsache ist allerdings, dass die Betroffenen unter einem enormen seelischen Druck stehen, Viele (vermutlich die Mehrzahl) weinten, als sie aus der Presse zum ersten Mal von Leidensgenossen erfuhren: Es gab andere mit dem gleichen Problem! Sie waren also doch nicht im Begriff, den Verstand zu verlieren ....

Auf dem Weg in die Öffentlichkeit sahen sich die „Brummis“ allerdings zu einem Teufelspakt gezwungen. Sie waren bei den Behörden faktisch abgeblitzt. Sie hatten privat das ganze Spektrum des Möglichen versucht und beträchtliche Summen vergeudet an Baubiologen, Heizungsfirmen, private Forschungsinstitute, Psychiater, völlig sinnlose Umzüge, etc. Nun blieb ihnen nur noch der Marsch durch die Medien. Das Ziel dabei: Leidensgenossen finden.

Der Crashkurs ins Mediengeschäft war für die deutschen Betroffenen von Anfang an durch ein Ungleichgewicht bestimmt. Auf der Suche nach Solidarität fanden sich Laien plötzlich in den Händen ausgebuffter Profis. „Wenn Sie nicht mit uns sprechen, dann denken wir uns eben einfach etwas aus“, drohte ein Boulevardblatt. Woher sollte der Angerufene wissen, dass derlei Erpressung — in der Praxis leider kaum nachweisbar — vor den Presserat gehört und eigentlich auch vor Gericht (§ 240 StGB: Nötigung per Drohung durch ein empfindliches Übel)?

Es wurde ein Teufelskreis. Die Trägheit der Behörden im Umgang mit dem Ungewohnten zwang in die Öffentlichkeit. Dort aber zog der Unterhaltungswahn das Thema auf Boulevardniveau. Der — bis heute andauernde — Versuch kommerzieller Esoterikunternehmer, das Thema Brummton für ihre Profite zu besetzen, vertiefte zusätzlich den Eindruck des Unseriösen, Welcher verantwortungsbewusste Professor konnte es sich nun noch erlauben, Doktoranten in dieses „Kuriositätenkabinett“ zu schicken? Jeder „vorsichtige“ Behördenvertreter konnte sich angesichts dieser Berichterstattung bestätigt sehen!

 Egal, ob nun der tugendsame Ulrich Wickert, ob die „Süddeutsche Zeitung“ oder das sonst eher betuliche „Hamburger Abendblatt“ — sie alle machten ihre Witzchen. Das anonyme Streiflicht der „Süddeutschen“ und Abendblatt-Reporter Andreas Burgmayr erkannten im Brummen Bezüge zu Ufos. Burgmayr scheiterte

— gottlob! — beim Versuch, ein Zitat zum Brummen bei Erich von Däniken zu erhaschen. Ulli Wickert entließ seine spätabendlichen Zuschauer, indem er amüsiert eine Hand ans Ohr hielt: „Hören Sie was?“

 Wer nächtens heulend in der Küche sitzt, weil er nicht mehr weiter weiß — wer mehrmals pro Woche versucht, die Nacht irgendwie zu überstehen — musste sich durch solch eine Behandlung seines Problems veräppelt fühlen — veräppelt von jenen, deren wichtigste Aufgabe darin besteht informiert, zu sein.

 

Die Presse gilt als vierte Macht im Staat. Dafür genießt sie Sonderrechte, zum Beispiel beim Schutz ihrer Informanten. Mit den Worten der Grande Dame des deutschen Journalismus, Marion Gräfin Dönhoff (Die Zeit): „Es gibt niemanden außer der Presse, der so gründlich und ausdauernd recherchieren könnte“. Dieses Diktum steht — wohlbemerkt! — im Konjunktiv. Da wird es auch bleiben. Denn fundierte Hintergründe kosten Geld.

 

Siehe die Fernsehanstalten. Dort betrug Ende Februar 2001 die Recherche-Tiefe zum Brummton nur einige Millimeter: die Heftdicke der „Focus“-Ausgabe 9/2001 vom Titelbild bis zur Seite 136 mit dem Frage „Warum brummt‘s?“. Bei einem der von „Focus“ zitierten Forscher hätte man anschließend eine Drehtür für Kamerateams einbauen können.

 

Während im Sommer 2001 ein Mitarbeiter des Hamburger Amtes für Umweltschutz bereits Brumm-Opfer der Hansestadt mit ähnlichen Symptomen aneinander vermittelte, behauptete das Journal „DAS“ im 3. Programm des NDR-­Fernsehen, an der Elbe sei ein Brumm-Problem unbekannt. Dieser Aussage widmete die öffentlich-rechtliche Anstalt einen ganzen Beitrag. Selbst im fernen Schwaben kannte man da schon Hamburger „Brummis“.

 

Weitere Tiefpunkte der Berichterstattung:

 

•         Joa Schmid (PNN online, 3. Mai 2001)

 

Hier wurde im zähen Ringen um Synonyme der Brummton mal als Rauschen bezeichnet, mal als Summen, mal als Pfeifen und mal als Grummeln. — Ja, was denn nun? Hatte mal jemand bei den Betroffenen nachgefragt, was sie hören? Hatte irgendwer dieses Elaborat vor der Veröffentlichung auf seine sprachliche (gedankliche?) Logik überprüft?

 

•         Reutlinger General-Anzeiger, 2. Mal 2001

•         Tagesspiegel Online, 30. April 2001.

 

Beide Medien platzierten die bis dahin amtlich gemessenen Frequenzen in den „niedrigen Infraschallbereich“. Was/wo soll das sein? Mal abgesehen davon, dass die Messungen auch hörbaren Schall notierten, wäre hier richtig gewesen: „oberer Infraschallbereich“ (engL: near infrasound). Oder war der untere Infraschallbereich gemeint (engl.: far infrasound)? Falls ja: dieser Bereich umfasst einzelne Luftdruckschwankungen von mehreren Minuten Länge. Dort — im Übergang zum Wetter — hat bislang niemand gesucht. Das macht vermutlich auch wenig Sinn.

 

•         lsw (Stuttgarter Nachrichten, Schwäbische Zeitung 27.8.2001)

 

Die DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR (dpa) befragte einen Hamburger Privatdozenten für Psychosomatik und Psychotherapie zum Brummproblem. Die Meldung wurde von mehreren Blättern übernommen. In den Stuttgarter Nachrichten erschien sie unter der Überschrift:

 

„Nicht an den Ton denken. Experte: Hysterie möglich“.

 

Die Schwäbische Zeitung verwandte für den gleichen Text den Titel:

 

„Womöglich brummt vor allem die Angst“.

 


Auf ihrem Titel erklärte die Schwäbische Leitung: „Eine Mischung aus Massenhysterie und tatsächlichem Lärm ist nach Expertenmeinung die Quelle des mysteriösen Brummtons“.

 

Der befragte Dozent wird im Beitrag dazu unter anderem mit folgenden Aussagen zitiert: „Es kann sein, dass sich Betroffene mit ähnlichen Problemen jetzt zusammenschließen, Es kann aber auch eine Art von Massenhysterie sein“. Jemand erfahre von dem Brummton, überprüfe, ob er ihn hört, und höre ihn dann tatsächlich. „Man wird also psychisch angesteckt.“ Der Experte riet den Betroffenen, möglichst wenig an das Brummen zu denken.

 

Der Verfasser dieser Zeilen hat den Dozenten angerufen und nach seinem Wissen in Sachen Brummton gefragt. Der Experte erklärte wörtlich: „Ich kenne das Problem nur vom Hörensagen“. Der Experte gab im Verlauf des Gesprächs ausdrücklich die Erlaubnis, ihn mit diesem Satz zu zitieren. Er legte allerdings Wert auf die Anmerkung, es habe sich bei seiner Stellungnahme um eine vorläufige Einschätzung gehandelt.

 

IGZAB-Mitglied Elmar Maronn spricht in einem Leserbrief an die Schwäbische Zeitung von einem „Schlag ins Gesicht“. Er verweist unter anderem darauf, dass der erste Kontakt mit dem Ton bei der Mehrzahl der Betroffenen lange vor dem Einsetzen der Pressearbeit lag. Die entsprechende Statistik auf Grundlage der IGZAB-Fragebögen findet sich auf dieser Website. Auch diese Daten waren dem Hamburger Experten unbekannt.

 

Beim Blick auf die deutsche Presselandschaft wirkt die Konfrontation mit dem unbekannten Brummton wie ein Vergrößerungsglas. Es macht erschreckende Defizite sichtbar. Darf man von wirtschaftlich „optimierten“ Medien noch verlangen, dass sie recherchieren? Darf man von ihnen verlangen, dass sie Experten zu einem Problem befragen, die auch tatsächlich Experten für dieses Problem sind? Sollen wir uns wirklich an diese Bewusstseinsverschmutzung gewöhnen, zusammengerührt aus einer täglichen Ration von Lügen, Ignoranz und Dummheit?

 

Vor diesem desolaten Hintergrund treten die wenigen positiven Ausnahmen umso deutlicher hervor. Gutes Handwerk, zum Beispiel, in der ZDF-Sendung „heute“, wo Wolf von Lojewski am 13. August 2001, betont sachlich einen ebensolchen Beitrag von Alois Theissen über das schwäbische Brummen anmoderierte.

 

Lobenswert auch, welche Mühe sich Sandro Benini in der „Weltwoche“ machte, dem Brummen in der Schweiz nachzuspüren (Weltwoche, Nr. 19/01, 10.5.2001). Beninis Kernaussage — „Die Schweiz scheint bislang verschont“ — können deutsche Betroffenen bedauerlicherweise nicht bestätigen. Sie hören den Ton auch in der Alpenrepublik. Schweizer Betroffene sind der IAB jedoch noch nicht bekannt. Falls sich keine finden, könnte dies ein wichtiger Hinweis werden!

 

Und zum Schluss Ehre, wem Ehre gebührt. In diesem Fall dem schwäbischen Journalisten Frank Krause. Er hatte am 01.12.1999 in den „Stuttgarter Nachrichten“ als erster umsichtig über Carmen Mischke, Achim Häußer und den Tailfinger Brummton berichtet und damit die Medienlawine ausgelöst. „Das war unser Durchbruch“, erinnert sich IAB-Mitbegründerin Carmen Mischke: „Also, wenn Krause nicht gewesen wäre...“

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 13. September 2009 um 06:32 Uhr